Wege Sibiriens
Trommel, Rentier und Fliegenpilz
Sibirien ist weit: Wälder ohne Ende, Tundra, gefrorene Flüsse und Winter, die acht Monate dauern. Hier, zwischen dem Ural und dem Pazifik, leben seit Jahrtausenden Jäger, Fischer und Rentierhirten.
Von hier stammt auch das Wort, das heute auf der ganzen Welt bekannt ist: Schamane. Es kommt aus der Sprache der Ewenken, šaman, und meint ungefähr «die, der weiss» oder «die, der in Bewegung gerät». Russische Reisende brachten es im 17. Jahrhundert nach Europa. Seither nennt man Heilerinnen und Heiler auf allen Kontinenten so, obwohl jedes Volk seine eigenen Namen hat.
Die Völker des Nordens
Sibirien ist kein Volk, sondern viele. Die Ewenken ziehen mit ihren Rentieren durch die Taiga, die Nenzen durch die Tundra am Eismeer. Im fernen Osten leben die Korjaken und die Tschuktschen, an der Lena die Sacha, die man früher Jakuten nannte. Am Ob wohnen die Chanten, im Süden die Tuwiner und Burjaten. Und im Norden Europas, in Lappland, sind die Samen ihre Nachbarn, mit einer verwandten Welt aus Trommel und Gesang.
So verschieden ihre Sprachen sind, ihr Bild von der Welt ähnelt sich. Alles ist belebt: der Wald, das Feuer, der Fluss, das Tier, das man jagt. Wer nimmt, muss danken. Und wenn das Gleichgewicht verloren geht, braucht es jemanden, der zwischen den Welten reisen kann.
Der Weltenbaum
In der Mitte der Welt steht ein grosser Baum, oft eine Lärche oder Birke. Seine Wurzeln reichen in die untere Welt der Ahnen und Toten, sein Stamm steht in unserer mittleren Welt, seine Krone trägt die obere Welt der Himmelsgeister. Bei den Ewenken folgt der Schamane auf seiner Reise auch einem grossen Fluss, der alle drei Welten verbindet. Im Zelt steht der Weltenbaum als Stange, die durch das Rauchloch nach oben weist.
Die Trommel – das Reittier
Die Trommel ist das wichtigste Werkzeug. Ihr Rahmen stammt oft von einem Baum, auf den der Blitz fiel oder den die Geister zeigten, ihr Fell von einem Rentier, Elch oder Pferd. Viele Völker nennen sie das Reittier oder das Boot des Schamanen: Auf ihrem gleichmässigen Schlag reitet er in die anderen Welten. Eine neue Trommel wird «belebt», bevor man mit ihr arbeitet. Wenn der Schamane stirbt, wird auch sie oft zerbrochen und an seinem Grab zurückgelassen.
Mantel, Geister und Gesang
Der Schamanenmantel ist ein Abbild der Welt und des Körpers: Eisenstücke als Knochen, Bänder und Fransen als Federn eines Vogels, kleine Figuren für die Hilfsgeister, oft ein Spiegel, der das Böse abwehrt. Die Hilfsgeister zeigen sich als Tiere, als Bär, Adler, Elch oder Fisch. Mit Gesang ruft der Schamane sie herbei, mit der Trommel reist er, und die Gemeinschaft sitzt im dunklen Zelt dabei und antwortet.
Die Berufung
Niemand wird Schamane, weil er es möchte. Die Geister wählen. Oft beginnt es mit einer schweren Krankheit, mit Träumen und Visionen, die man die Schamanenkrankheit nennt. In vielen Berichten erleben die Berufenen, wie sie im Traum zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Wer den Ruf annimmt, wird gesund und lernt jahrelang bei einem erfahrenen Schamanen. Wer ihn verweigert, so heisst es, bleibt krank.
Fliegenpilz und Weihnachtsmann
Jedes Jahr im Dezember erzählen sich Menschen auf der ganzen Welt eine Geschichte: Der Weihnachtsmann gehe auf die Schamanen des hohen Nordens zurück. Viele spüren, dass darin etwas Wahres liegt – und vieles spricht dafür.
Was Reisende berichtet haben: Bei den Korjaken, Tschuktschen, Ewenken und anderen Völkern im Nordosten Sibiriens war der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ein heiliges Wesen. Die Korjaken nannten seine Geister wapaq. Die Pilze wurden getrocknet und in Zeremonien gegessen. Schon der Schwede Philipp Johann von Strahlenberg schrieb 1730, dass man den Urin von Menschen trank, die Fliegenpilz gegessen hatten, weil die Kraft darin erhalten bleibt. Auch die Rentiere lieben den Fliegenpilz. Waldemar Jochelson beschrieb 1908 das Leben der Korjaken, R. Gordon Wasson trug die Berichte 1968 in seinem Buch «Soma» zusammen.
Was erzählt wird: Zur Wintersonnenwende sammelte der Schamane die Fliegenpilze. Sie wachsen nur unter Nadelbäumen und Birken, weil sie mit deren Wurzeln verbunden sind – rot-weisse Gaben unter dem Baum, so wie heute die Geschenke unter dem Christbaum liegen. Damit die Pilze ihre Kraft entfalten, hängte man sie zum Trocknen in die Zweige, wie rote Kugeln an einem geschmückten Tannenbaum. Der Schamane selbst, so heisst es, trug einen roten Mantel mit weissem Pelzbesatz und hohe schwarze Stiefel – gekleidet wie der Pilz, den er ehrte. Mit einem Sack voller getrockneter Pilze stieg er durch das Rauchloch in die Jurte, das zugleich Eingang und «Kamin» war, oft entlang der Stange, die als Weltenbaum durch das Dach nach oben weist. Die Rentiere, die vom Pilz gefressen hatten, und die Menschen, die von ihrem Urin tranken, sahen sich fliegen – über den Himmel, zu den Geistern. Rot und Weiss sind bis heute die Farben des Pilzes und des Weihnachtsmanns, und bei uns gilt der Fliegenpilz zum Jahreswechsel noch immer als Glücksbringer, als «Glückspilz».
Andere Sichtweisen: Manche Historiker, etwa Ronald Hutton, halten das für eine moderne Deutung. Sie führen den Weihnachtsmann auf den heiligen Nikolaus von Myra zurück, auf das Gedicht «A Visit from St. Nicholas» von 1823, in dem die acht Rentiere zum ersten Mal vorkommen, und auf die Werbung des 20. Jahrhunderts. Doch auch ihre Sicht stützt sich auf das, was zufällig aufgeschrieben wurde. Vieles aus dem Leben der Völker Sibiriens wurde nie festgehalten oder ging in Zeiten der Verfolgung verloren, und Geschichte wurde oft von denen geschrieben, die eigene Absichten hatten. Das alte Wissen dieser Völker lebte nicht in Büchern, sondern wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben, von Erfahrung zu Erfahrung. Dass etwas nicht aufgeschrieben wurde, heisst nicht, dass es nicht war. Was so weitergegeben wird, trägt im Kern die Wahrheit, sofern es wahr ist – und was nicht stimmt, deckt sich mit der Zeit auf, auf beiden Seiten.
Was genau stimmt, kann heute niemand mit Gewissheit sagen – weder die eine noch die andere Seite. Ich mag die alte Spur aus dem Norden. Spür selbst, welche Geschichte zu dir spricht.
Wichtig
Der Fliegenpilz ist giftig. Ibotensäure und Muscimol können Erbrechen, Verwirrung, Krämpfe und schwere Vergiftungen auslösen, und er wird leicht mit dem tödlichen Pantherpilz verwechselt. Was hier steht, ist Kulturgeschichte und keine Anleitung. Bitte nicht nachmachen. Bei einer Vergiftung in der Schweiz: Tox Info Suisse, Telefon 145.
Verfolgt und wiedergefunden
Unter den Zaren wurden viele Völker Sibiriens getauft, unter der Sowjetunion wurden die Schamanen verfolgt. Man nannte sie Betrüger und Feinde des Fortschritts, nahm ihnen die Trommeln weg und schickte manche in Lager. Viele hörten auf oder arbeiteten im Verborgenen weiter.
Seit den 1990er-Jahren kehrt das Alte zurück. In Tuwa, Burjatien und bei den Sacha gibt es wieder Schamaninnen und Schamanen, eigene Vereinigungen und Feste. Oft müssen sie neu zusammensetzen, was verloren ging: aus der Erinnerung der Alten, aus Liedern und aus den Aufzeichnungen der Forscher.
Mit Respekt
Vieles, was im Westen als «sibirischer Schamanismus» verkauft wird, hat mit den Völkern Sibiriens wenig zu tun. Wer ihnen nahe sein möchte, hört zuerst zu: den Menschen selbst, ihren Liedern, ihrer Geschichte von Verfolgung und Neubeginn. Trommeln, Mäntel und Rituale gehören den Gemeinschaften, aus denen sie stammen.
Quellen
Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, 1951 · Waldemar Jochelson: The Koryak, 1908 · Philipp Johann von Strahlenberg: Das Nord- und Ostliche Theil von Europa und Asia, 1730 · R. Gordon Wasson: Soma – Divine Mushroom of Immortality, 1968 · Anna-Leena Siikala: The Rite Technique of the Siberian Shaman, 1978 · Piers Vitebsky: The Shaman, 1995 · Ronald Hutton: Shamans – Siberian Spirituality and the Western Imagination, 2001 · James Arthur: Mushrooms and Mankind, 2003 · Carl A. P. Ruck u. a.: The Hidden World – Survival of Pagan Shamanic Themes in European Fairytales, 2007 · Wikipedia: Schamanismus
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