Lakota-Brauchtum
Mitákuye Oyás’iŋ – alle meine Verwandten
In den Prärien von South und North Dakota, rund um Ȟe Sápa, die Black Hills, leben die Lakota. Zusammen mit den Dakota und Nakota bilden sie die Očhéthi Šakówiŋ, die Sieben Ratsfeuer.
Ihr Leben kreist um ein einfaches, grosses Wort: Mitákuye Oyás’iŋ – alle meine Verwandten. Der Bison, der Adler, der Stein, der Wind, der Mensch neben dir: Alles ist verwandt, und mit allem ist man in Beziehung.
Vieles wurde ihnen genommen, das Land, die Bisons, lange Zeit sogar das Recht, ihre Zeremonien zu feiern. Und doch singen sie, beten, tanzen – bis heute.
Das Heilige und die Verwandtschaft
Wakȟáŋ Tȟáŋka – das Grosse Geheimnis
Wakȟáŋ heisst heilig, geheimnisvoll, voller Kraft. Wakȟáŋ Tȟáŋka ist das Grosse Geheimnis, oft als «Grosser Geist» übersetzt – keine Gestalt im Himmel, sondern das Heilige, das in allem wirkt. Im Gebet spricht man es als Tȟuŋkášila an, Grossvater, und die Erde als Uŋčí Makȟá, Grossmutter Erde. Auch Íŋyaŋ, der Stein, Tȟaté, der Wind, und Wakíŋyaŋ, die Donnerwesen, gehören zu diesem heiligen Gefüge.
Mitákuye Oyás’iŋ – alle meine Verwandten
Mit diesen Worten endet ein Gebet, und mit ihnen tritt man in die Schwitzhütte. Sie schliessen niemanden aus: die Zweibeiner, die Vierbeiner, die Geflügelten, die Pflanzen, die Steine. Das Leben selbst ist ein Netz von Beziehungen – und jede will gepflegt sein.
Thiyóšpaye – die Grossfamilie
Getragen wird das Leben von der Thiyóšpaye, der Sippe aus vielen verwandten Familien. Kinder haben viele Mütter und Väter, Grosseltern sind Lehrerinnen und Lehrer. Zu den Werten, die man weitergibt, gehören Wówačhaŋtognake, Grosszügigkeit, Wóohitika, Mut, Wówaȟwala, Demut, und Wóksape, Weisheit. Wer viel hat, gibt viel – Ansehen kommt vom Teilen, nicht vom Besitzen.
Der heilige Ring und die vier Richtungen
Alles, was die Kraft der Welt tut, geschieht in einem Kreis – so hat es der Oglala Black Elk erzählt. Der Himmel ist rund, die Sonne und der Mond gehen im Kreis, die Jahreszeiten kehren wieder, das Tipi und der Lagerkreis sind rund. Im heiligen Ring kreuzen sich die vier Richtungen, jede mit ihrer Farbe und ihren Kräften. Bei Black Elk sind es Schwarz im Westen, Weiss im Norden, Rot im Osten und Gelb im Süden – andere Familien und Gemeinschaften ordnen die Farben anders. Dazu kommen der Himmel oben, die Erde unten und die Mitte, in der man selbst steht.
Die Weisse Büffelkalbfrau und die Pfeife
Ptesáŋwiŋ
In einer Zeit des Hungers, so erzählen die Lakota, erschien zwei jungen Jägern eine wunderschöne Frau in Weiss. Der eine begehrte sie und verging in einer Wolke. Der andere ging zurück ins Lager und bereitete ihr Kommen vor. Ptesáŋwiŋ brachte dem Volk die heilige Pfeife und lehrte es, mit ihr zu beten. Als sie ging, verwandelte sie sich in einen Bison und wurde zuletzt zu einem weissen Bisonkalb. Seitdem gilt die Geburt eines weissen Bisons als heiliges Zeichen – so wie 1994, als in Wisconsin das weisse Kalb «Miracle» zur Welt kam.
Čhaŋnúŋpa – die heilige Pfeife
Der Kopf aus rotem Pfeifenstein steht für die Erde und ihr Volk, der hölzerne Stiel für alles, was wächst. Wer die Pfeife füllt, ruft mit jeder Prise Čhaŋšáša, Rotweidenrinde, oder Čhaŋlí, Tabak, die Richtungen und alle Wesen hinein. Der aufsteigende Rauch trägt das Gebet. Eine Pfeife zu halten heisst, die Wahrheit zu sprechen. Die ursprüngliche Pfeife der Ptesáŋwiŋ wird bis heute in Green Grass auf der Cheyenne-River-Reservation gehütet – ihr Hüter in neunzehnter Generation ist Arvol Looking Horse.
Heilige Pflanzen
Pȟežíhota, der Präriesalbei – ein naher Verwandter unseres Beifusses –, reinigt und wird in Zeremonien geräuchert und ausgelegt. Wačháŋǧa, das Süssgras, wird zu Zöpfen geflochten und ruft mit seinem Duft die guten Kräfte. Und Wasé, die rote Erdfarbe, zeichnet heilige Dinge und Menschen.
Die sieben heiligen Riten
Geschenke der Ptesáŋwiŋ
Mit der Pfeife, so die Überlieferung, kamen sieben Riten zum Volk. Black Elk hat sie in den 1940er-Jahren dem Ethnologen Joseph Epes Brown erzählt, das Buch «Die heilige Pfeife» machte sie weltweit bekannt. Die Pfeife ist in jedem von ihnen dabei.
Die sieben Riten
- Wanáǧi Yuhápi – das Bewahren der Seele: Die Seele eines Verstorbenen wird, oft ein Jahr lang, in Liebe gehütet und dann freigelassen.
- Inípi – die Schwitzhütte: Im dunklen Bauch der Erde, über glühenden Steinen, werden Körper, Geist und Herz gereinigt.
- Haŋbléčheya – die Visionssuche: Allein auf einem Hügel, ohne Essen und Trinken, bis zu vier Tage und Nächte – man «weint um eine Vision».
- Wiwáŋyaŋg Wačhípi – der Sonnentanz: Im Sommer tanzen Menschen vier Tage um den heiligen Baum und geben ihr Opfer für das Leben des Volkes.
- Huŋkápi – das Verwandtmachen: Menschen werden zeremoniell zu Verwandten und tragen füreinander Verantwortung.
- Išnáthi Awíčhalowaŋpi – die Zeremonie für Mädchen: Bei der ersten Menstruation wird ein Mädchen als Frau geehrt und auf ihre Kraft vorbereitet.
- Tȟápa Waŋkáyeyapi – das Werfen des Balls: Ein Mädchen wirft einen Ball in die Richtungen; wer ihn fängt, empfängt Segen – ein Bild für das Wissen, das zu allen kommt.
Lieder, Trommel und Tanz
Čhaŋčhéǧa, die Trommel, gilt als Herzschlag der Erde, Waǧmúha, die Kürbisrassel, ruft die Geister. Ohne Olówaŋ, die Lieder, gibt es keine Zeremonie. Beim Wačhípi, dem Powwow, kommen Familien von weit her zusammen, tanzen, ehren ihre Veteranen und Verstorbenen, essen und lachen miteinander. Und Heyókȟa, der heilige Clown, der alles verkehrt herum tut, erinnert daran, dass auch das Lachen heilig ist.
Heilige Orte und Geschichte
Ȟe Sápa – die Black Hills
Für die Lakota sind die Black Hills das Herz von allem, was ist. Der Vertrag von Fort Laramie sprach sie ihnen 1868 «für immer» zu. Sechs Jahre später fand eine Expedition unter Custer Gold, 1877 nahmen die USA das Land an sich. 1980 entschied das Oberste Gericht der USA, dass dies unrecht war, und sprach den Lakota eine Entschädigung zu. Sie haben das Geld nie angenommen – inzwischen ist es mit Zinsen auf weit über eine Milliarde Dollar angewachsen. «Die Black Hills sind nicht zu verkaufen.»
Matȟó Pahá und Matȟó Thípila
Matȟó Pahá, der Bärenberg (Bear Butte), erhebt sich einsam aus der Prärie am Rand der Black Hills. Seit Generationen gehen Menschen hinauf zur Visionssuche, und bis heute hängen an seinen Bäumen Gebetsbänder und Tabakbündel. Matȟó Thípila, die Bärenhütte, ist der Felsturm, den die Landkarten Devils Tower nennen. Der Bär ist hier Hüter und Heiler.
Waníyetu Wówapi – die Winterzählungen
Die Lakota zählten die Jahre in Wintern. Für jedes Jahr wählte die Gemeinschaft ein Ereignis, und ein Hüter malte dafür ein Bild auf eine Bisonhaut – der Winter der vielen Sternschnuppen, der Winter, in dem die Pferde kamen. So entstand eine gemalte Geschichte über viele Generationen. Die Namen der Monde stehen im Lakota-Wörterbuch.
Mní Wičhóni – Wasser ist Leben
2016 und 2017 versammelten sich in Standing Rock Tausende Menschen aus vielen Völkern, um gegen eine Ölleitung unter dem Missouri zu beten und zu protestieren. Ihr Ruf «Mní wičhóni» ging um die Welt. Er erzählt, worum es den Lakota seit jeher geht: das Leben zu schützen, für die, die nach uns kommen – sieben Generationen weit.
Mit Respekt
Die Zeremonien der Lakota sind lebendige Religion, kein Kulturgut zum Mitnehmen. 1993 haben Lakota, Dakota und Nakota in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Ausbeutung ihrer Spiritualität Stellung genommen, und 2003 bat Arvol Looking Horse darum, dass Menschen, die nicht zu den Völkern gehören, nicht an der Visionssuche und am Sonnentanz teilnehmen. Ich teile hier, was ich gelernt habe – als Wissen und als Verbeugung, nicht als Anleitung. Wer tiefer gehen möchte, findet den Weg über die Menschen selbst und ihre eigenen Stimmen.
Quellen
Joseph Epes Brown (Hrsg.): The Sacred Pipe – Black Elk’s Account of the Seven Rites of the Oglala Sioux, 1953 (dt. «Die heilige Pfeife») · John G. Neihardt: Black Elk Speaks, 1932 (dt. «Schwarzer Hirsch: Ich rufe mein Volk») · Lakota Language Consortium: New Lakota Dictionary · Wikipedia: Lakota, Black Hills, Sonnentanz
Die Bilder sind mit KI gestaltet.