Keltisches Brauchtum
Im Kreis des Jahres
Lange bevor es die Schweiz gab, lebten hier Kelten. Sie gaben den Flüssen Namen, die bis heute geblieben sind. Sie feierten das Licht, wenn es wiederkam, und ehrten das Dunkel, wenn es kam. In Bäumen, Quellen und Steinen sahen sie beseelte Wesen – und in der Zeit keinen Strich, sondern einen Kreis.
Vieles davon ist verloren. Ihr Wissen schrieben sie nicht auf, sie gaben es weiter: von Mund zu Ohr, von Herz zu Herz. Geblieben sind Funde im Boden, Berichte ihrer Gegner, spätere Sagen aus Irland und Wales, Namen auf der Landkarte.
Und ein Gefühl, das manchmal aufsteigt, wenn man im November durch den Nebel geht.
Der Jahreskreis
Das Rad des Jahres
Die Kelten zählten nicht von Morgen zu Morgen, sondern von Abend zu Abend: Zuerst kommt die Nacht, dann der Tag. So begann auch das Jahr mit seiner dunklen Hälfte.
Heute wird der Jahreskreis meist als Rad mit acht Festen erzählt – vier Feuerfeste, die die Jahreszeiten eröffnen, und vier Sonnenfeste an den Wenden und Tagundnachtgleichen. Ein Fest etwa alle sechs Wochen, ein Atemzug des Jahres.
Samhain · um den 1. November
Die Schwelle zur dunklen Zeit und für viele der Beginn des neuen Jahres. Die Herden kamen von den Weiden, die Ernte war eingebracht. In dieser Nacht, so glaubte man, ist der Schleier zur Anderswelt besonders dünn – die Ahnen sind nah. Über viele Umwege ist daraus Halloween geworden, und nicht zufällig liegen Allerheiligen und Allerseelen auf denselben Tagen.
Wintersonnenwende · um den 21. Dezember
Die längste Nacht. Von hier an wächst das Licht wieder. Schon die Erbauer von Newgrange in Irland, lange vor den Kelten, richteten ihren Grabhügel so aus, dass die aufgehende Sonne an diesen Morgen bis in die innerste Kammer scheint. Der heute oft verwendete Name Yule (Jul) stammt aus dem germanischen Norden.
Imbolc · um den 1. Februar
Das erste Regen des Frühlings unter dem Schnee. Die Mutterschafe lammen und geben wieder Milch. Das Fest gehört Brigid, der Göttin des Feuers, der Dichtung, der Heilkunst und der Schmiede – später als heilige Brigida verehrt. Mariä Lichtmess am 2. Februar trägt dieses Licht weiter.
Frühlings-Tagundnachtgleiche · um den 20. März
Tag und Nacht sind gleich lang, nun neigt sich die Waage zum Licht. Die Saat geht in die Erde. Der Name Ostara geht auf eine angelsächsische Göttin Eostre zurück, die der Mönch Beda erwähnt – er ist germanisch, nicht keltisch.
Beltane · um den 1. Mai
Das Fest des Feuers und der blühenden Fülle. In Irland trieb man das Vieh zwischen zwei Feuern hindurch, um es zu segnen, bevor es auf die Sommerweiden zog. Maibaum, Maifeuer und Walpurgisnacht erzählen von derselben Lebensfreude.
Sommersonnenwende · um den 21. Juni
Der längste Tag, die Sonne steht auf der Höhe ihrer Kraft. Feuer brennen auf den Hügeln, Kräuter wie das Johanniskraut werden gesammelt. Der Name Litha ist ein alter angelsächsischer Monatsname.
Lughnasadh · um den 1. August
Das Fest des Gottes Lugh, des Meisters aller Künste: Beginn der Ernte, das erste Brot aus neuem Korn. In England lebt es als Lammas weiter, die «Laib-Messe». Und in der Schweiz brennen am 1. August Höhenfeuer – ein Brauch aus neuerer Zeit, aber ein schönes Zusammentreffen.
Herbst-Tagundnachtgleiche · um den 22. September
Noch einmal Gleichgewicht, nun neigt es sich zum Dunkel. Zeit des Dankes für die Fülle: Früchte, Nüsse, Trauben. Den Namen Mabon, nach einer Gestalt der walisischen Sage, bekam das Fest erst in den 1970er-Jahren.
Gut zu wissen
Belegt sind vor allem die vier Feuerfeste Samhain, Imbolc, Beltane und Lughnasadh – aus alten irischen Texten. Dass Menschen die Sonnenwenden beachteten, zeigen Steinsetzungen, die oft viel älter sind als die Kelten. Das Rad mit acht Festen und die Namen Yule, Ostara, Litha und Mabon wurden im 20. Jahrhundert zusammengefügt, vor allem in der englischen Druiden- und Wicca-Bewegung. Es ist kein überlieferter keltischer Kalender – aber eine schöne Art, das Jahr bewusst zu gehen.
Baumschrift und Baumkalender
Ogham – die Baumschrift
Ogham ist die älteste Schrift der irischen Sprache. Rund 400 Inschriften aus dem 4. bis 6. Jahrhundert sind erhalten, die meisten in Irland, einige in Wales, Schottland und auf der Isle of Man. Die Zeichen sind Kerben und Striche entlang einer Kante, meist der Kante eines Steins, und werden von unten nach oben gelesen. Fast immer nennen sie Namen – auf Grab- und Grenzsteinen.
Das Alphabet hat zwanzig Zeichen in vier Gruppen zu je fünf. Im Bild nebenan steht übrigens ein Name in Ogham: R – E – N – E.
Die Zeichen und ihre Bäume
- B · Beith · Birke
- L · Luis · Eberesche
- F · Fearn · Erle
- S · Sail · Weide
- N · Nion · Esche
- H · hÚath · Weissdorn
- D · Dair · Eiche
- T · Tinne · Stechpalme
- C · Coll · Hasel
- Q · Ceirt · Apfelbaum
- M · Muin · Weinrebe oder Brombeere
- G · Gort · Efeu
- NG · nGéadal · Schilf oder Ginster
- Z · Straif · Schwarzdorn
- R · Ruis · Holunder
- A · Ailm · Kiefer oder Tanne
- O · Onn · Stechginster
- U · Úr · Heidekraut
- E · Edad · Espe
- I · Idad · Eibe
Die Zuordnung zu Bäumen und Pflanzen stammt aus mittelalterlichen irischen Lehrschriften wie dem «Auraicept na nÉces». Nicht jeder Buchstabenname bedeutete ursprünglich einen Baum – die Baumschrift ist auch ein Stück späterer, liebevoller Deutung.
Der keltische Baumkreis
Wer seinen «keltischen Lebensbaum» nachschlägt, begegnet dem Baumkreis: 22 Bäume, verteilt über das Jahr, jedem Geburtstag sein Baum. So poetisch er ist – mit den alten Kelten hat er nichts zu tun. Er geht auf die französische Journalistin Paule Delsol zurück, die ihn 1971 für die Zeitschrift Marie Claire entwarf, angeregt von Robert Graves’ Buch «Die weisse Göttin». Ein Spiel unserer Zeit mit alten Bildern – und doch eine Einladung, die Bäume als Verwandte zu sehen.
Kelten in der Schweiz
Die Helvetier
Zur Zeit Caesars lebten im Mittelland zwischen Jura, Alpen, Genfersee und Rhein die Helvetier, ein Verbund aus vier Teilstämmen, darunter die Tiguriner und die Verbigener. 58 v. Chr. brachen sie mit ihren Familien nach Südwesten auf, wurden von Caesar bei Bibracte geschlagen und mussten zurückkehren. Caesars Bericht ist die erste schriftliche Kunde von ihnen – erzählt vom Sieger. Ihr Name lebt weiter: Helvetia, und im CH für Confoederatio Helvetica.
La Tène – ein Ort am Neuenburgersee
Ein ganzes Zeitalter trägt einen Schweizer Namen. In La Tène am Nordostende des Neuenburgersees kamen ab 1857 Hunderte Schwerter, Lanzen, Schilde und Fibeln zum Vorschein – wohl Opfergaben, die ins Wasser gelegt wurden. Seither heisst die jüngere Eisenzeit, etwa 450 v. Chr. bis zur Zeitenwende, La-Tène-Zeit. Im Laténium in Hauterive kann man vieles davon sehen.
Spuren in der Landschaft
- Mont Vully – eine keltische Wallburg (Oppidum) hoch über dem Murten- und dem Neuenburgersee
- Bern, Engehalbinsel – eine keltische Stadt in der Aareschlaufe; ein Zinktäfelchen nennt den Namen Brenodor
- Basel – die Siedlung Basel-Gasfabrik und später das Oppidum auf dem Münsterhügel
- Uetliberg bei Zürich – ein Fürstengrab aus der Zeit um 500 v. Chr.
Namen, die geblieben sind
Viele Orte und Flüsse tragen bis heute keltische Namen. Thun kommt von «dunum», befestigter Ort. Yverdon war Eburodunum, die Eibenburg. Solothurn hiess Salodurum, Winterthur Vitudurum, Genf Genava. Und der Rhein, «Renos», ist einfach: der Fliessende.
Bräuche mit alten Wurzeln?
Feuer auf den Höhen zur Sonnenwende, Funkenfeuer am Sonntag nach der Fasnacht, das laute Winteraustreiben, Räbeliechtli im November: Vieles erinnert an den keltischen Jahreskreis. Ob es wirklich bis zu den Kelten zurückreicht, lässt sich meist nicht belegen – Römer, Alemannen und das Christentum haben alles mehrfach überformt. Vielleicht ist das auch nicht so wichtig. Die Menschen in diesen Tälern haben das Licht immer gefeiert, wenn es kam, und ihm geleuchtet, wenn es ging.
Druiden und Weltbild
Die Druiden
Sie waren Priester, Richter, Lehrer, Heilkundige und Hüter des Wissens. Caesar berichtet, ihre Ausbildung habe bis zu zwanzig Jahre gedauert. Gelernt wurde in Versen, auswendig – aufschreiben durfte man die Lehre nicht. Ihr Name wird oft als «die Eichenkundigen» oder «die sehr Wissenden» gedeutet.
Mistel und Eiche
Nach Plinius dem Älteren kannten die Druiden nichts Heiligeres als die Mistel und den Baum, auf dem sie wächst – wenn es eine Eiche ist. Am sechsten Tag des Mondes schnitt ein Druide im weissen Gewand sie mit einer goldenen Sichel, und man fing sie in einem weissen Tuch auf, bevor sie den Boden berührte.
Die Anderswelt
Die Welt der Götter, der Feen und der Ahnen lag für die Kelten nicht fern im Himmel, sondern ganz nah: unter den Hügeln – den irischen Síd –, jenseits des Meeres, hinter dem Nebel. An den Schwellen öffnete sie sich: zwischen Tag und Nacht, zwischen Land und Wasser, zwischen dem alten und dem neuen Jahr.
Heilige Orte
Tempel aus Stein brauchten sie lange nicht. Geweiht waren Haine – «nemeton» –, Quellen, Seen, Moore und Bergkuppen. In Quellen und Seen legten sie ihre Gaben, so wie in La Tène. Manches Quellheiligtum wurde später zur Kapelle oder zum Wallfahrtsort.
Seele und Wiederkehr
Caesar schreibt, die Druiden lehrten, die Seele vergehe nicht, sondern gehe nach dem Tod in einen anderen über – darum hätten die Krieger den Tod nicht gefürchtet. Die Triskele, die dreifache Spirale, wird heute gern als Bild für Werden, Sein und Vergehen gelesen. Wie die Kelten selbst sie verstanden, haben sie uns nicht hinterlassen.
Quellen
Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico, Bücher I und VI · Plinius der Ältere, Naturalis historia XVI, 249–251 · Laténium, Archäologiepark und -museum Neuenburg · Historisches Lexikon der Schweiz · Wikipedia: Kelten, Helvetier, La-Tène-Zeit, Ogham, Druide, Keltischer Baumkreis
Die Bilder sind mit KI gestaltet.