Shipibo-Brauchtum
Wo Lieder zu Mustern werden
Am Ucayali, einem der grossen Quellflüsse des Amazonas im Osten Perus, leben die Shipibo-Conibo. Sie nennen sich selbst Jonikon, wahre Menschen, und ihre Sprache Non Joi, unsere Sprache.
Ihre Welt ist von Mustern durchzogen. Die Frauen sticken und malen sie auf Stoffe, Gefässe und Gesichter, die Heilerinnen und Heiler singen sie in der Nacht. Für die Shipibo sind diese Muster keine Verzierung: Sie sind Lieder, die man sehen kann, und Lieder, die heilen.
Aus ihrer Tradition stammt die Dieta, von der meine Lebensschulen erzählen. Von den Pflanzen, mit denen sie leben, erzählen die Pflanzenwesen.
Kené – Lieder, die man sehen kann
Die Muster
Kené sind die geometrischen Muster der Shipibo: Kreuze, Rauten, Haken und Wege aus dicken und feinen Linien, die sich verzweigen, ohne je zu enden. Es gibt viele Arten – Maya Kené mit Kurven, Koros Kené mit Kreuzen, gestickte Kewé. Seit 2008 sind sie in Peru als nationales Kulturerbe geschützt.
Ronin, die Mutter der Muster
Alle Muster, so erzählen die Shipibo, tragen die Haut von Ronin, der kosmischen Anakonda. Sie lebt im Wasser, sie hat die Welt geformt, und auf ihrem Körper sind alle Kené der Welt vereint. Wer Kené malt, schöpft aus dieser Quelle.
Das Wissen der Frauen
Kené ist vor allem die Kunst der Frauen. Sie sticken es auf den Chitonti, den Rock, malen es auf Kempo, die Gefässe aus Ton, und auf Gesicht und Körper. Mädchen lernen es von Müttern und Grossmüttern – und von den Pflanzen: Traditionell wird ihnen ein Tropfen Saft von Kené Waste, einer Art Piri-Piri, in die Augen gegeben, damit sie die Muster sehen und träumen. Oft entsteht ein Muster frei aus dem Kopf, und zwei Frauen können gemeinsam an einem Stoff malen, ohne sich abzusprechen.
Ikaros, Dieta und Heilung
Onanya – die Wissenden
Onanya heisst die Heilerin oder der Heiler – wörtlich: die, der weiss. Wer sehr weit gegangen ist und den Geistern begegnet, wird Meraya genannt. Ihr Wissen kommt nicht aus Büchern, sondern von den Pflanzen selbst, gelernt in langen Jahren der Dieta. Viele Onanya sind Frauen.
Sama – die Dieta
In der Sama, der Dieta, zieht man sich zurück, isst einfach, ohne Salz, Zucker und Gewürze, verzichtet auf Nähe und Ablenkung – und nimmt eine Pflanze zu sich: die Rinde eines Baumes, eine Wurzel, eine Blüte. Wochen- oder monatelang lehrt sie in Träumen, Gefühlen und Bildern. Was man in der Dieta empfängt, sind oft Lieder.
Ikaros – die Heilgesänge
Bewa heisst Lied, Rao Bewa Heilgesang, auf Spanisch Ikaro. In der Zeremonie singt die Onanya, oft leise, oft stundenlang, begleitet nur vom Rascheln der Blätterrassel. Man sagt, sie sehe dabei die Kené, die im Körper eines kranken Menschen in Unordnung geraten sind, und singe die Muster wieder heil. Mit Koxonti, dem Besingen, wird auch eine Medizin, ein Wasser, ein Duft mit der Kraft des Liedes geladen. Über allem steht der Schutz, Panati, der wie ein unsichtbares Muster um den Menschen gelegt wird.
Oni und die Pflanzenlehrer
Oni heisst der Trank aus Ayahuasca, der Liane Nishi, und den Blättern der Chacruna, Kawa. Er öffnet die Sicht in die anderen Welten. Rome, der Mapacho-Tabak, schützt und reinigt. Und grosse Bäume wie Lupuna, Renaco oder Ayahuma sind Lehrer mit eigenem Geist.
Die Welten und ihre Wesen
Himmel, Erde und Wasser
Die Welt, Nete, hat mehrere Schichten. Über uns liegt Nai, der Himmel, mit Bari, der Sonne, Oxe, dem Mond, und den Sternen, in denen die Verstorbenen weiterleben. In der Mitte Mai, die Erde, auf der wir gehen. Und unter dem Wasser liegt Jene Nete, die Welt des Wassers, eine Welt voller Städte, Wesen und Licht. Ganz oben wartet Jakon Nete, die gute Welt, das Land ohne Übel.
Ibo – die Herren der Dinge
Jede Pflanze, jedes Tier, jeder See hat seinen Ibo, seinen Herrn oder Meistergeist. Mit ihm spricht die Onanya, ihn bittet sie um Hilfe. Es gibt lichtvolle Wesen, Chaikoni, und schwierige, Yoshin. Wer im Wald oder am Fluss lebt, lebt nie allein.
Wesen aus Wasser und Wald
Im Fluss lebt die Yakumama, die Mutter des Wassers, und die Yakuruna, die Menschen der Wasserwelt. Der rosa Flussdelfin kann, so heisst es, Menschengestalt annehmen und Menschen in die Unterwasserstädte locken. Im Wald begegnet man dem Chullachaki, dem Hüter des Waldes mit dem ungleichen Fuss. Und der Jaguar, Ino, ist der Mächtigste unter den Tieren.
Leben am Fluss
Dörfer am Ucayali
Die meisten Shipibo leben in Dörfern entlang des Ucayali und seiner Seitenarme, viele auch in der Stadt Pucallpa. Die Häuser stehen auf Pfählen, die Dächer sind mit Palmblättern gedeckt. Der Fluss gibt Fisch und Weg, die Gärten Maniok, Kochbananen und Mais. Aus Maniok wird Masato gebraut, das Getränk der Feste, das in grossen bemalten Tongefässen gärt.
Feste
Ani Xeati, das grosse Fest, dauerte früher mehrere Tage und feierte unter anderem das Erwachsenwerden der Mädchen – mit Gesängen, Masato und Tänzen. Heute wird es kaum mehr gefeiert. Lebendig sind die Masha, die Tanz- und Festlieder, und die Freude daran, sich in Kené zu kleiden.
Zwischen Wald und Stadt
Abholzung, Ölförderung und Drogenhandel bedrängen das Land am Fluss. Viele junge Shipibo ziehen in die Städte. In Cantagallo mitten in Lima lebt eine ganze Shipibo-Gemeinschaft, die 2016 durch einen Brand fast alles verlor und weitermalte. Als 2020 die Pandemie viele Ältere und Onanya das Leben kostete, zogen junge Shipibo als «Comando Matico» mit Heilpflanzen von Haus zu Haus. Das Wissen lebt – weil es weitergegeben wird.
Mit Respekt
Das Wissen der Shipibo ist heute weltweit gefragt – und nicht immer zu ihrem Wohl. Kené-Muster werden kopiert und verkauft, ohne dass die Frauen, die sie geschaffen haben, etwas davon haben, und rund um Ayahuasca ist ein Geschäft entstanden, in dem nicht alle, die sich Heiler nennen, es auch sind. Wer Kené kauft, kauft am besten direkt bei den Künstlerinnen oder ihren Vereinigungen. Und wer eine Zeremonie oder eine Dieta sucht, nimmt sich Zeit, fragt nach und vertraut dem Gefühl.
Quellen
Angelika Gebhart-Sayer: Die Spitze des Bewusstseins – Untersuchungen zu Weltbild und Kunst der Shipibo-Conibo, 1987 · Luisa Elvira Belaunde: Kené – Arte, ciencia y tradición en diseño, Lima 2009 · Wikipedia: Shipibo-Conibo
Die Bilder sind mit KI gestaltet.