Maya-Brauchtum
Menschen aus Mais
Die Maya sind nicht verschwunden. Mehrere Millionen Menschen in Guatemala, Mexiko, Belize, Honduras und El Salvador sprechen bis heute eine der rund dreissig Maya-Sprachen. Allein Guatemala anerkennt zweiundzwanzig davon.
Ihre Vorfahren bauten Städte wie Tikal, Palenque und Copán, beobachteten den Himmel genauer als die Europäer ihrer Zeit und schrieben in Glyphen auf Stein und Rindenpapier. Vieles davon wurde zerstört. Was blieb, lebt im Hochland weiter: in den Feuern der Zeremonien, im Zählen der Tage, in den Mustern der Webstoffe und im Mais, aus dem die Menschen gemacht sind.
Diese Seite folgt vor allem den K’iche’ im Hochland Guatemalas, dem Volk des Popol Wuj.
Popol Wuj – das Buch des Rates
Ein Buch, das gerettet wurde
Um 1550 schrieben K’iche’-Gelehrte die alten Erzählungen ihres Volkes in lateinischen Buchstaben nieder, damit sie nicht verloren gehen. Um 1701 fand der Dominikaner Francisco Ximénez die Handschrift in Chichicastenango, schrieb sie ab und übersetzte sie ins Spanische. Seine Abschrift liegt heute in Chicago. Das Popol Wuj gilt als das wichtigste Buch der Maya.
Die Menschen aus Mais
Am Anfang war nur der stille Himmel und das ruhende Meer. Tepew und Q’ukumatz, die Gefiederte Schlange, und Uk’u’x Kaj, das Herz des Himmels, berieten sich und liessen die Erde aufsteigen. Dann versuchten sie, Wesen zu schaffen, die sie ehren und sich an sie erinnern. Die Tiere konnten nicht sprechen. Die Menschen aus Lehm zerflossen. Die Menschen aus Holz hatten kein Herz und kein Gedächtnis und gingen in einer Flut unter. Erst als die Grossmutter Xmukane weissen und gelben Mais mahlte, entstanden aus diesem Teig die ersten vier Männer – und danach die Frauen. Darum nennen sich die Maya bis heute Menschen aus Mais.
Die Heldenzwillinge
Junajpu und Xb’alanke sind die Söhne von Jun Junajpu, dessen Kopf die Herren der Unterwelt Xib’alb’a in einen Kalebassenbaum gehängt hatten, und von Xkik’, der Tochter eines Unterweltherrn. Mit List, Mut und Humor bestehen die Zwillinge alle Prüfungen von Xib’alb’a, gewinnen das Ballspiel, besiegen die Todesherren Jun Kame und Wuqub’ Kame und steigen zuletzt als Sonne und Mond in den Himmel auf. Das Ballspiel, auf vielen Plätzen der alten Städte gespielt, erzählt von diesem Kampf zwischen Leben und Tod.
Der Weltenbaum und die vier Richtungen
In der Mitte der Welt steht ein grosser Baum, oft als Ceiba gedacht, der den Himmel, die Erde und die Unterwelt verbindet. Um ihn ordnen sich die vier Richtungen, jede mit ihrer Farbe: der Osten rot wie die aufgehende Sonne, der Norden weiss, der Westen schwarz, der Süden gelb – und die Mitte grünblau. Mais gibt es in denselben Farben, und in den Zeremonien brennen Kerzen in diesen Farben.
Die heilige Zeit
Cholq’ij – die Ordnung der Tage
Der heilige Kalender der K’iche’ heisst Cholq’ij, die Ordnung der Tage. Zwanzig Tage mit eigenem Namen greifen wie zwei Zahnräder in die Zahlen von eins bis dreizehn – so ergibt sich ein Kreis von 260 Tagen, etwa die Zeit, die ein Kind im Mutterleib wächst. Jeder Tag hat sein Nawal, seine Kraft und sein Wesen. Der Tag der Geburt sagt etwas über die Gaben und Aufgaben eines Menschen. Im Hochland Guatemalas wird diese Zählung seit über zweitausend Jahren ohne Unterbruch weitergeführt.
Die zwanzig Tage
- Imox – Wasser, Ursprung, das Unbewusste
- Iq’ – Wind, Atem, Leben
- Aq’ab’al – Morgendämmerung, Neubeginn
- K’at – Netz, das Gesammelte
- Kan – Schlange, Lebenskraft
- Kame – Tod, die Ahnen
- Kej – Hirsch, die vier Richtungen
- Q’anil – Same, Reife, Fülle
- Toj – Gabe, Ausgleich
- Tz’i’ – Hund, Recht und Treue
- B’atz’ – Faden, Affe, die Zeit selbst
- E – Weg, Zahn
- Aj – Schilfrohr, Haus und Familie
- I’x – Jaguar, die Kraft der Erde
- Tz’ikin – Vogel, Glück und Weitblick
- Ajmaq – Vergebung, die Verstorbenen
- No’j – Wissen, Gedanke
- Tijax – Feuerstein, Schnitt, Heilung
- Kawoq – Sturm, Gemeinschaft
- Ajpu – Sonne, der Blasrohrschütze
Die Deutungen sind kurz gefasst und von Tageshüter zu Tageshüter verschieden. Jeder Tag hat viele Seiten.
Ab’, die Kalenderrunde und die Lange Zählung
Neben dem Cholq’ij läuft das Sonnenjahr Ab’: achtzehn Monate zu zwanzig Tagen und fünf Tage am Ende. Erst nach 52 Jahren treffen beide Kalender wieder gleich aufeinander – ein grosser Kreis, die Kalenderrunde. Die Städte der klassischen Zeit zählten zusätzlich die Tage seit einem Anfangspunkt, die Lange Zählung. Am 21. Dezember 2012 schloss sich ein Zyklus von dreizehn B’ak’tun. Ein Weltende haben die Maya dafür nie angekündigt – für sie begann einfach ein neuer Zyklus.
Zeremonie und Heilung
Ajq’ij – die Tageshüter
Ajq’ij heisst wörtlich: der, die zur Sonne, zum Tag gehört. Die Tageshüterinnen und Tageshüter kennen den Kalender, deuten die Tage, leiten Zeremonien, beraten bei Krankheit, Streit und wichtigen Entscheidungen. Oft ruft sie ein Traum, eine Krankheit oder ihr Geburtstag zu dieser Aufgabe. An einem Tag Wajxaqib’ B’atz’, Acht Faden, werden in Momostenango und anderen Orten neue Ajq’ij in ihr Amt eingeführt, und viele Gemeinschaften feiern dann den Neubeginn des heiligen Kalenders.
Das heilige Feuer
Im Mittelpunkt vieler Zeremonien steht das Feuer. Auf dem Boden wird ein Kreis gezeichnet, oft mit Zucker, darin ein Kreuz für die vier Richtungen. Darauf legt man Pom, das Copalharz, Kerzen in den Farben der Richtungen, Blumen, Kräuter, Honig, Kakao, Tabak. Während das Feuer brennt, zählt die Ajq’ij die Tage auf, ruft Ajaw, das Herz des Himmels und der Erde, und die Ahnen, Qati’t Qamam, unsere Grossmütter und Grossväter. Das Feuer spricht: wie es brennt, wohin es sich neigt. Solche Zeremonien finden in Häusern, an Altären auf Hügeln und Bergen, an Quellen und in Höhlen statt.
Heilen, Hebammen und die Schwitzhütte
Neben den Ajq’ij gibt es Heilerinnen und Heiler, Ajkun, Knocheneinrenker und Iyom, die Hebammen, die bis heute einen grossen Teil der Kinder auf dem Land zur Welt begleiten. In vielen Häusern steht ein Tuj, eine kleine Schwitzhütte aus Lehm oder Stein. Man reinigt sich darin, Mütter erholen sich nach der Geburt, Kranke schwitzen das Kalte aus dem Körper. Heilung meint immer auch das Gleichgewicht mit den Menschen, den Ahnen und der Erde.
Leben heute
Mais, Milpa und Kakao
Ixim, der Mais, ist mehr als Nahrung: Er ist heilig, und man lässt kein Korn achtlos liegen. Auf der Milpa wachsen Mais, Bohnen und Kürbis zusammen und stützen einander. Der Kakao, Kakaw, war bei den alten Maya ein Getränk der Feste und der Götter – und seine Bohnen dienten als Geld.
Gewebte Geschichten
Viele Maya-Frauen tragen den Po’t, das Huipil, gewebt auf dem Rückengurtwebstuhl. Jedes Dorf hat seine Farben und Muster: Rauten für die Welt und ihre vier Ecken, Zickzack für Schlange und Berge, Vögel, Maispflanzen, Sterne. Ein Huipil zu weben dauert Wochen bis Monate, und wer es trägt, erzählt, woher sie kommt.
Wunden und Widerstand
Nach der spanischen Eroberung wurden Bücher verbrannt und Zeremonien verboten – viele lebten im Verborgenen weiter. Im Bürgerkrieg in Guatemala (1960–1996) wurden über 200 000 Menschen getötet oder verschwanden, die meisten von ihnen Maya. Die Wahrheitskommission sprach 1999 von Völkermord. Die K’iche’ Rigoberta Menchú erhielt 1992 den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für die Rechte der indigenen Völker. Seit den Friedensverträgen werden die Maya-Spiritualität und die Maya-Sprachen wieder offener gelebt und gelehrt.
Mit Respekt
Die Maya-Spiritualität ist eine lebendige Religion mit eigenen Lehrerinnen und Lehrern. Rund um das Jahr 2012 und den Tourismus sind viele Bilder entstanden, die mit den Maya selbst wenig zu tun haben. Wer einer Zeremonie beiwohnen möchte, wendet sich an Ajq’ij aus den Gemeinschaften, bringt eine Gabe mit und fragt, bevor fotografiert wird. Und wer Webstoffe kauft, kauft am besten direkt bei den Weberinnen oder ihren Genossenschaften.
Quellen
Allen J. Christenson: Popol Vuh – The Sacred Book of the Maya, 2003/2007 · Dennis Tedlock: Popol Vuh – The Mayan Book of the Dawn of Life, 1985/1996 · Barbara Tedlock: Time and the Highland Maya, 1982/1992 · Michael D. Coe: Breaking the Maya Code, 1992 · Comisión para el Esclarecimiento Histórico: Guatemala – Memoria del silencio, 1999 · Wikipedia: Maya, Popol Vuh, Maya-Kalender
Die Bilder sind mit KI gestaltet.