Schamanische Völker der Welt
Viele Wege zum gleichen Feuer
Auf allen Kontinenten haben Menschen Wege gefunden, das Bewusstsein zu öffnen und mit der Welt der Geister, der Ahnen und der Natur zu sprechen. Manche tun es mit heiligen Pflanzen. Viele aber brauchen nichts als eine Trommel, einen Gesang, einen Tanz, den Atem, das Fasten oder die Stille der Dunkelheit.
Wo Pflanzen dazugehören, sind sie Lehrer auf einem langen Weg: mit erfahrenen Heilerinnen und Heilern, mit Regeln, Dieta und Gemeinschaft. Sie sind kein Erlebnis zum Mitnehmen. Viele dieser Pflanzen sind in der Schweiz verboten oder gesundheitlich gefährlich. Hier wird erzählt, nicht angeleitet.
Die Völker sind nach Regionen geordnet. Mit den Knöpfen kannst du zeigen, wer mit heiligen Pflanzen arbeitet und wer mit Trommel, Tanz und Atem.
Europa
Kelten
Trommel, Tanz & AtemDie Druiden lernten zwanzig Jahre lang auswendig, die Barden sangen die Welt herbei. Ihre Tore waren der Jahreskreis, heilige Haine, Quellen und das Feuer – das Wissen lag im Wort und im Lied.
Samen
Trommel, Tanz & AtemDie Noaidi, die Schamanen Lapplands, reisten mit der bemalten Zaubertrommel in andere Welten. Der Joik, ein Gesang, der einen Menschen, ein Tier oder einen Ort nicht beschreibt, sondern ist, lebt bis heute. Viele Trommeln wurden von Missionaren verbrannt; einige sind heute an die Samen zurückgegeben.
Asien und Sibirien
Völker Sibiriens
Pflanzen und KlangVon den Ewenken stammt das Wort Schamane. Die Trommel ist ihr Reittier in die anderen Welten. Im Nordosten war bei Korjaken und Tschuktschen auch der Fliegenpilz heilig – mit ihm verbinden viele den Ursprung des Weihnachtsmanns.
Mongolen
Trommel, Tanz & AtemBöö und Udgan reisen mit Trommel, Gesang und Spiegeln, die Ahnengeister sprechen durch sie. Unter dem ewigen blauen Himmel ehrt man die Erde am Ovoo – ganz ohne Pflanzen.
Tuwiner
Trommel, Tanz & AtemIn Tuwa am oberen Jenissei arbeiten die Kam, die Schamanen, mit Trommel und Gesang. Berühmt ist der tuwinische Kehlgesang, der Wind, Wasser und Pferde nachahmt. Seit 1993 gibt es in Kysyl wieder eine Vereinigung der Schamanen.
Nord- und Mittelamerika
Lakota
Trommel, Tanz & AtemSchwitzhütte (Inipi), Visionssuche (Hanblečheyapi) mit Fasten allein auf dem Berg, Sonnentanz, Trommel und Gesang. Die heilige Pfeife (Chanunpa) ist ein Gebet, kein Rauschmittel.
Maya
Pflanzen und KlangHeute vor allem Gebet, Feuerzeremonie und der heilige Kalender der Ajq’ij. In alter Zeit kannten die Maya auch den Balché-Trank und heilige Pilze, wie Pilzsteine aus dem Hochland zeigen.
Wixárika
heilige PflanzenDer Hikuri (Peyote) ist für die Wixárika ein heiliger Bruder. Jedes Jahr pilgern sie nach Wirikuta, singen ganze Nächte am Feuer und malen ihre Visionen in Fadenbilder.
Mazateken
heilige PflanzenIn der Sierra Mazateca in Oaxaca heilen Sabias mit den «heiligen Kindern», Psilocybin-Pilzen, in nächtlichen Velada-Zeremonien voller Gesang. María Sabina wurde 1957 durch R. Gordon Wasson weltbekannt – mit schweren Folgen für ihr Dorf.
Rarámuri (Tarahumara)
heilige PflanzenDie Nachbarn der Wixárika in der Sierra Tarahumara kennen den Peyote (Híkuli) als Heiler und Beschützer. Berühmt sind sie für ihre Läufe über Hunderte Kilometer – Laufen selbst ist für sie ein Gebet.
Native American Church
heilige PflanzenEine Kirche vieler Völker Nordamerikas, entstanden um 1900 bei Kiowa und Comanche. In nächtlichen Treffen im Tipi wird Peyote als Sakrament genommen, mit Gebet, Wassertrommel und Gesang bis zum Morgen.
Kogi
Pflanzen und KlangIn der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien werden die Mamos von Kindheit an jahrelang in der Dunkelheit ausgebildet, um die Welt «im Geist» zu sehen. Ihr Weg ist Meditation und Achtsamkeit; das Kauen von Coca mit dem Poporo gehört für die Männer zum Alltag.
Anden
Andenvölker
Pflanzen und KlangPaqos und Yatiris sprechen mit Pachamama und den Bergen: mit Coca-Blättern, Despachos und Gebet. Im Norden Perus heilen Curanderos mit dem Kaktus San Pedro (Huachuma) – eine Tradition, die bis Chavín zurückreicht.
Inka
Pflanzen und KlangFür die Inka sprach das Heilige durch Sonne, Ahnen und Huacas. Coca war eine Gabe der Götter, Chicha wurde den Ahnen geopfert, und Priester nutzten Schnupfpulver aus Willka-Samen.
Amazonien
Shipibo-Konibo
heilige PflanzenAm Ucayali arbeiten die Onanya mit Ayahuasca (Oni) und der Dieta: monatelang mit einer Pflanze leben, einfach essen, still sein. Die Ikaros, ihre Heilgesänge, sind gesungene Kené-Muster.
Huni Kuin
heilige PflanzenDas «wahre Volk» in Acre (Brasilien) und Peru trinkt Nixi Pae, ihre Ayahuasca, um Wissen von den Geistern zu empfangen. Aus den Visionen entstehen die Kene-Muster und die Huni-Meka-Gesänge.
Yawanawá
heilige PflanzenAm Rio Gregório in Brasilien arbeiten die Yawanawá mit Uni (Ayahuasca), Rapé und strengen Dietas. Seit einigen Jahren werden auch Frauen zu Pajés – ein Aufbruch in einer alten Tradition.
Kofán, Siona und Secoya
heilige PflanzenIm Grenzland von Kolumbien und Ecuador heisst die heilige Liane Yagé. Die Taitas, die alten Heiler, singen in langen Nächten und leiten die Gemeinschaft. Ihr Wissen wird vom Ölabbau im Regenwald bedroht.
Yanomami
heilige PflanzenDie Xapiri-Geister kommen zu den Schamanen der Yanomami, wenn sie Yãkoana oder Epená schnupfen, ein Pulver aus Baumrinde und Samen. Der Schamane Davi Kopenawa erzählt davon im Buch «Der Sturz des Himmels».
Afrika
Bwiti (Fang, Gabun)
heilige PflanzenIn Gabun verbindet der Bwiti-Kult alte Ahnenverehrung mit christlichen Bildern. Bei der Einweihung essen die Neulinge Iboga-Wurzelrinde, um den Ahnen zu begegnen; getragen werden sie von Musik auf dem Mungongo-Bogen und von Tänzen bis zum Morgen.
San (Kalahari)
Trommel, Tanz & AtemDie San tanzen die ganze Nacht im Kreis um das Feuer, die Frauen klatschen und singen. Dabei «kocht» eine Kraft, die sie n/om nennen, in den Heilern auf, bis sie in Trance fallen und mit den Händen heilen – ganz ohne Pflanzen.
Australien und Ozeanien
Aborigines Australiens
Trommel, Tanz & AtemFür die ersten Völker Australiens ist die Traumzeit nicht vergangen, sondern immer gegenwärtig. Die Songlines, gesungene Wege, verbinden Land, Ahnen und Gesetz. Wissen wird durch Gesang, Tanz, Malerei und lange Einweihungen weitergegeben; der Klang des Didgeridoo stammt aus dem Norden des Kontinents.
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Mit Respekt
Diese Seite ist keine Anleitung und keine Empfehlung, Pflanzen zu nehmen. Peyote, Ayahuasca, Psilocybin-Pilze, Iboga und Fliegenpilz unterliegen in der Schweiz teils dem Betäubungsmittelgesetz und können gefährlich sein, besonders mit Medikamenten oder bei psychischen und Herzerkrankungen. Iboga hat schon zu Todesfällen geführt.
Viele indigene Völker leiden unter Tourismus, unter Biopiraterie, die ihre Pflanzen und ihr Wissen patentiert, und unter Menschen, die ihre Zeremonien kopieren und verkaufen, ohne jede Verbindung zu ihnen.
Zugleich lebt das alte Wissen auch dort weiter, wo es mit Respekt weitergegeben wurde. Viele Schamaninnen und Schamanen hier bei uns haben ihr Wissen über Jahre von indigenen Lehrerinnen und Lehrern erhalten, arbeiten mit ihnen zusammen und pflegen die Verbindung. So darf das Wissen wandern – von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz. Wer einer Tradition begegnen möchte, schaut, woher ein Weg kommt und ob die Verbindung zu seinen Wurzeln lebendig ist. Zuhören, unterstützen, mit offenem Herzen teilnehmen und etwas zurückgeben – das ist der Weg mit Respekt.
Quellen
Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, 1951 · Peter T. Furst (Hg.): Flesh of the Gods – The Ritual Use of Hallucinogens, 1972 · Richard Evans Schultes & Albert Hofmann: Plants of the Gods, 1979 · Michael Harner: The Way of the Shaman, 1980 · Richard Katz: Boiling Energy – Community Healing among the Kalahari Kung, 1982 · Gerardo Reichel-Dolmatoff: The Shaman and the Jaguar, 1975, und The Sacred Mountain of Colombia’s Kogi Indians, 1990 · James W. Fernandez: Bwiti – An Ethnography of the Religious Imagination in Africa, 1982 · Davi Kopenawa & Bruce Albert: La chute du ciel, 2010 · Piers Vitebsky: The Shaman, 1995
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