Wege der Inka
Kinder der Sonne
Um 1400 war Cusco eine kleine Stadt in einem Hochtal der Anden. Hundert Jahre später regierten die Inka von hier aus über ein Reich, das sich viertausend Kilometer weit von Ecuador bis nach Chile erstreckte, mit vielleicht zehn Millionen Menschen und Dutzenden Völkern und Sprachen.
Ihr Herrscher galt als Sohn der Sonne. Ihr Jahr folgte dem Lauf von Sonne, Mond und Sternen, ihre Ahnen lebten als Mumien mitten unter ihnen, und ihre Steine fügten sie so genau, dass bis heute keine Messerklinge in die Fugen passt.
Diese Seite erzählt vom Glauben, von den Festen und vom Alltag der Inka. Ihr Reich, ihre Wege, die Knotenschnüre und das Andenkreuz stehen auf der Seite Wege der Andenvölker.
Sonne und Herrscher
Bei den Inka gehörten Himmel und Herrschaft zusammen. Wer regierte, tat es im Namen der Sonne und der Ahnen.
Sapa Inka – der Sohn der Sonne
Sapa Inka heisst «der einzige Inka». Er galt als Sohn von Inti, der Sonne, und stand zwischen Himmel und Erde. An seiner Seite regierte die Coya, die Königin, oft seine Schwester, Tochter des Mondes. Der Herrscher trug die Maskapaycha, ein Stirnband mit roter Quaste, und sprach nur selten selbst zu den Menschen. Auch Cusco war zweigeteilt: Hanan Cusco, das obere, und Urin Cusco, das untere, mit je eigenen Familien und Aufgaben.
Qurikancha – der goldene Hof
Mitten in Cusco stand der Qurikancha, der wichtigste Tempel des Reiches. Seine Mauern waren mit Platten aus Gold bedeckt, und im Garten standen Maispflanzen, Lamas und Hirten aus Gold und Silber. Hier wurden Sonne, Mond, Donner und Sterne verehrt. Die Spanier schmolzen das Gold ein und bauten auf den Mauern das Kloster Santo Domingo. Bei den Erdbeben von 1650 und 1950 stürzte die Kirche ein, die Inka-Mauern darunter blieben stehen.
Mallki – die Ahnen, die bleiben
Ein verstorbener Inka-Herrscher war nicht fort. Sein Körper wurde bewahrt, eingehüllt in feine Stoffe, und lebte als Mallki weiter in seinem Palast. Seine Familie, die Panaqa, versorgte ihn mit Speisen und Chicha, fragte ihn um Rat und trug ihn zu den grossen Festen auf den Platz. Auch in den Dörfern ehrte man die Mumien der Ahnen. Der spanische Beamte Polo de Ondegardo spürte 1559 mehrere Herrscher-Mumien auf, die versteckt worden waren. Wo sie heute sind, weiss niemand.
Yanantin – das Paar, das sich ergänzt
Im Denken der Inka besteht die Welt aus Paaren: Sonne und Mond, Mann und Frau, oben und unten, rechts und links. Yanantin heisst «einander helfend vereint». Keine Seite ist ohne die andere ganz. Wo die beiden sich begegnen, entsteht Tinkuy, die Begegnung, manchmal als Fest, manchmal als ritueller Kampf zwischen zwei Dorfhälften. Aus der Spannung der Gegensätze wächst das Gleichgewicht.
Das Jahr der Inka
Das Jahr der Inka hatte zwölf Monde, und jeder hatte sein Fest. Die beiden Sonnenwenden bildeten die Pfeiler: Inti Raymi im Juni, wenn die Sonne am tiefsten steht, und Qhapaq Raymi im Dezember, wenn sie am höchsten steht. Das Fest der Sonne im Juni beschreibt die Seite Wege der Andenvölker.
Qhapaq Raymi – das grosse Fest
Zur Sonnenwende im Dezember, im Sommer der Anden, feierten die Inka Qhapaq Raymi, das «prächtige Fest». Dann wurden die jungen Männer der Inka-Familien in die Welt der Erwachsenen aufgenommen. Bei diesem Warachikuy fasteten sie, liefen um die Wette den heiligen Berg Wanakawri hinauf und erhielten ihre ersten Hosen und Waffen. Ihre Ohrläppchen wurden durchstochen und später mit grossen goldenen Scheiben geschmückt. Die Spanier nannten sie darum «Orejones», die Grossohren.
Situwa – die Stadt wird gereinigt
Im September, wenn die Regenzeit begann und mit ihr oft Krankheiten kamen, feierte Cusco die Situwa. Auf dem grossen Platz riefen alle: «Krankheiten, Unglück, geht fort!» Vier Gruppen von Kriegern liefen mit Fackeln und Speeren in die vier Teile des Reiches hinaus und gaben das Übel von Läufer zu Läufer weiter, bis es weit draussen in einem Fluss fortgespült wurde. Danach badeten die Menschen, assen gemeinsam und begannen das neue Jahr gereinigt.
Aymuray – das Fest der Ernte
Im Mai, wenn der Mais reif war, holten die Menschen die Ernte unter Gesang ein. Der Herrscher selbst brachte den ersten Mais von einem heiligen Feld ein. Die schönsten Kolben wurden in Tücher gehüllt und als Mama Sara, Mutter des Maises, geehrt, damit sie die Ernte im Speicher beschützt. Bis heute singen Bäuerinnen und Bauern in den Anden zur Ernte Aymuray-Lieder.
Qullqa – die Plejaden sagen den Regen voraus
Die Plejaden, das Siebengestirn, hiessen bei den Inka Qullqa, der Speicher. Im Juni, wenn sie nach einer Zeit der Unsichtbarkeit im Morgengrauen wieder aufgehen, steigen die Bauern bis heute auf einen Hügel und schauen hinauf. Leuchten die Sterne gross und klar, wird es früh und reichlich regnen, und man pflanzt die Kartoffeln zur gewohnten Zeit. Sind sie klein und blass, pflanzt man später. Forschende zeigten im Jahr 2000, dass der Dunst vor den Sternen mit hohen Wolken in El-Niño-Jahren zusammenhängt. Die Bauern lesen also tatsächlich den kommenden Regen am Himmel.
Himmel und Stein
Die Inka lasen den Himmel und bauten ihn in Stein nach. Ihre Tempel, Fenster und Brunnen sind oft nach Sonne und Sternen ausgerichtet, und auf den höchsten Gipfeln brachten sie ihre wertvollsten Gaben dar.
Mayu – der Fluss am Himmel und seine Tiere
Die Milchstrasse war für die Inka Mayu, ein Fluss, der das Wasser durch den Himmel trägt. Anders als wir sahen sie Sternbilder nicht nur in den Lichtpunkten, sondern auch in den dunklen Wolken dazwischen: eine Schlange, eine Kröte, ein Rebhuhn, einen Fuchs und das grosse Lama Yakana mit zwei leuchtenden Augen, den hellsten Sternen des Zentauren. Um Mitternacht, so erzählt man, neigt sich Yakana und trinkt Wasser aus dem Meer, damit die Erde nicht überflutet wird und die Quellen weiter fliessen.
Intiwatana – wo die Sonne angebunden wird
Auf dem höchsten Punkt von Machu Picchu steht ein aus dem Fels gehauener Stein mit einem kantigen Pfeiler. Man nennt ihn Intiwatana, den Ort, an dem die Sonne angebunden wird. Der Name stammt wohl erst aus späterer Zeit, doch solche Steine dienten den Inka als Zeichen im Lauf des Jahres: Ihr Schatten zeigte die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen an. Machu Picchu wurde um 1450 vermutlich für den Herrscher Pachakuti gebaut und gehört seit 1983 zum Welterbe der UNESCO.
Steine ohne Fugen
Die Inka bauten ohne Mörtel. Sie schliffen Blöcke aus Andesit und Kalkstein so genau aneinander, dass sie wie gewachsen wirken. In Cusco hat ein Stein in der Gasse Hatun Rumiyuq zwölf Ecken und passt auf allen Seiten genau zu seinen Nachbarn. Türen und Fenster sind trapezförmig, die Mauern neigen sich leicht nach innen. So überstanden sie die Erdbeben, die viele spätere Bauten zerstörten. Für die Inka waren manche Steine lebendig, Wesen mit eigener Kraft.
Qhapaq Hucha – Gaben auf den höchsten Gipfeln
In besonderen Zeiten, beim Tod eines Herrschers, bei Dürre oder Erdbeben, brachten die Inka den Apus ihre kostbarsten Gaben: kleine Figuren von Menschen und Lamas aus Gold, Silber und Muschel, feine Stoffe und Federn. Bei der Qhapaq Hucha wurden auch Kinder aus allen Teilen des Reiches nach Cusco und von dort auf hohe Gipfel geführt und geopfert. Sie galten als Botschafter zu den Göttern und wurden danach selbst verehrt. Auf dem Ampato und dem Llullaillaco fanden Forschende in den 1990er-Jahren solche Gräber, auf über sechstausend Metern. Heute ist das ein Teil der Geschichte, an den man mit Ernst erinnert.
Leben im Reich
Das Reich der Inka kannte kein Geld und keine Märkte, wie wir sie kennen. Es lebte von Arbeit, die man im Wechsel leistete, von vollen Speichern und von Stoffen, die mehr wert waren als Gold.
Mit’a und Qullqa – Arbeit und Vorrat
Statt Steuern in Geld leisteten die Familien Arbeit, im Wechsel, die Mit’a: auf den Feldern der Sonne und des Herrschers, beim Bau von Strassen, Brücken und Terrassen, in den Werkstätten oder im Heer. Dafür sorgte der Staat für Essen, Chicha und Feste. Die Ernten kamen in Tausende von Speichern, die Qullqa, die an luftigen Hängen standen, damit Mais, Chuño und Stoffe trocken blieben. In schlechten Jahren wurden sie geöffnet.
Aqllakuna – die Auserwählten
In jeder Provinz wurden Mädchen ausgewählt und im Aqllawasi, dem Haus der Auserwählten, unterrichtet. Diese Aqllakuna webten die feinsten Stoffe des Reiches und brauten die Chicha für die Zeremonien. Manche dienten ihr Leben lang der Sonne, andere gab der Herrscher verdienten Männern zur Frau. Die Spanier verglichen sie mit Nonnen, doch ihre Rolle war vielfältiger: Sie hielten mit ihrer Arbeit das Geben und Nehmen des Reiches in Gang.
Qumpi und Tokapu – Stoff, wertvoller als Gold
Das feinste Tuch der Inka hiess Qumpi, gewebt aus Vikunja- und Alpakawolle, mit über hundert Fäden pro Zentimeter. Die Tuniken der Herrscher waren mit Tokapu geschmückt, kleinen Quadraten mit geometrischen Zeichen, die vielleicht für Völker, Orte oder Ämter standen. Stoffe waren das wertvollste Geschenk: Mit einem Gewand band der Herrscher Fürsten an sich, und bei den grossen Zeremonien wurden die schönsten Tücher den Göttern im Feuer übergeben.
Rutuchikuy – der erste Haarschnitt
Wenn ein Kind etwa zwei Jahre alt war, wurde es in die Familie aufgenommen. Beim Rutuchikuy schnitt der älteste Verwandte die erste Locke, dann taten es alle anderen nacheinander, und jeder legte eine Gabe hin. Erst jetzt erhielt das Kind seinen Namen. Der Brauch lebt in vielen Dörfern der Anden bis heute weiter, und die Patin oder der Pate des ersten Haarschnitts bleibt dem Kind ein Leben lang verbunden.
Ama suwa, ama llulla, ama qhilla
«Stiehl nicht, lüg nicht, sei nicht faul.» Diese drei Sätze gelten als Grundgesetz der Inka, mit dem man sich bis heute in den Anden grüsst. Aufgeschrieben wurden sie erst in der Kolonialzeit, und wie die Inka sie selbst gebrauchten, ist nicht genau bekannt. Doch sie leben weiter: Bolivien nahm sie 2009 als Grundsätze in seine Verfassung auf, zusammen mit Suma Qamaña, dem guten Leben.
Mit Respekt
Vieles, was wir über die Inka wissen, haben spanische Chronisten aufgeschrieben, oft mit dem Blick von Eroberern. Dazu kommen die Werke von Nachfahren wie Inca Garcilaso de la Vega und Felipe Guaman Poma de Ayala sowie die Arbeit der Archäologie. Das Bild vom goldenen, vollkommenen Reich ist ebenso einseitig wie das vom grausamen. Die Erben der Inka sind die Quechua-Gemeinschaften von heute. Wer Cusco oder Machu Picchu besucht, achtet die Regeln der Orte, kauft bei den Menschen vor Ort und fragt, bevor fotografiert wird.
Quellen
Inca Garcilaso de la Vega: Comentarios reales de los Incas, 1609 · Felipe Guaman Poma de Ayala: Nueva corónica y buen gobierno, um 1615 · Bernabé Cobo: Historia del Nuevo Mundo, 1653 · Terence N. D’Altroy: The Incas, 2002/2014 · Brian S. Bauer: The Sacred Landscape of the Inca, 1998 · Gary Urton: At the Crossroads of the Earth and the Sky – An Andean Cosmology, 1981 · B. S. Orlove, J. C. H. Chiang, M. A. Cane: Forecasting Andean rainfall and crop yield from the influence of El Niño on Pleiades visibility, Nature 403, 2000 · Johan Reinhard: The Ice Maiden, 2005 · Wikipedia: Inka
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