René Kälineinfach. magisch. sein.

Altes Wissen

Krieger des Regenbogens

Eine Legende und ihr Weg um die Welt

Wenn die Erde krank ist und die Tiere verschwinden, so erzählt eine Legende, dann kommen Menschen aus allen Völkern und von allen Farben zusammen. Sie tragen das Wissen der Alten in sich und heilen, was verletzt ist.

Man nennt sie die Krieger des Regenbogens. Ihre Kraft ist nicht das Schwert, sondern das Herz. Sie kämpfen nicht gegen jemanden – sie stehen ein für das Leben.

Der Krieger auf meiner Seite trägt diese Farben. Hier erzähle ich, woher die Legende kommt – und warum sie trotzdem in mir weiterklingt.

Der Regenbogenkrieger: Gesicht eines Mannes mit Federhaube in allen Farben des Regenbogens, Perlenschmuck auf der Brust

Die Legende

Am bekanntesten ist die Geschichte von «Augen des Feuers», einer alten Grossmutter. Sie erzählt ihrem Enkel, dass eine Zeit kommen wird, in der die Gier der Menschen die Erde verwundet: Die Fische sterben in den Flüssen, die Vögel fallen vom Himmel, das Wasser wird schwarz und die Bäume werden weniger.

Dann, sagt sie, wird man die Hüter der alten Geschichten, Lieder und Rituale brauchen. Menschen aller Farben werden sie wiederfinden und von ihnen lernen. Ein Regenbogen wird sie ankündigen. Sie werden die Erde wieder grün machen, die Flüsse rein und die Wälder lebendig – nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe und Gemeinschaft.

Woher sie kommt

Die Legende wird oft den Hopi oder den Cree zugeschrieben. Ihre Spur führt aber zu einem Buch: «Warriors of the Rainbow» von William Willoya und Vinson Brown, 1962 in Kalifornien erschienen. Willoya stammte aus Alaska, Brown war Naturforscher und Verleger.

Das Buch sammelt Träume und Erzählungen verschiedener Völker – und deutet sie als Ankündigung der Wiederkunft Christi. Es ist eher eine christliche Erbauungsschrift als eine überlieferte Prophezeiung. Bei den Hopi und den Cree selbst ist keine solche Überlieferung bekannt. Der Forscher Michael Niman nennt die Geschichte darum «Fakelore»: neu erfunden und als altes Wissen ausgegeben.

Wie sie um die Welt ging

1971 nahm der Journalist Bob Hunter das Buch mit auf die erste Fahrt der jungen Greenpeace gegen die Atomtests bei Amchitka in Alaska und gab es an Bord herum. Viele an Bord sahen sich von da an als «ersten Stamm der Regenbogenkrieger».

Am 2. Mai 1978 taufte Greenpeace ein umgebautes Fischereischiff auf den Namen «Rainbow Warrior». Am 10. Juli 1985 versenkte der französische Geheimdienst es im Hafen von Auckland mit zwei Sprengsätzen. Der Fotograf Fernando Pereira kam dabei ums Leben. «You can’t sink a rainbow» – einen Regenbogen kann man nicht versenken – wurde zum Leitspruch. Heute fährt bereits die dritte Rainbow Warrior über die Meere.

Auch die Rainbow Family, die seit 1972 grosse Treffen im Freien feiert, erzählt die Legende weiter.

Was die Völker selbst sagen

Viele Indigene sehen die Legende kritisch. Sie wird als ihre Prophezeiung ausgegeben – und manchmal als Erlaubnis verstanden, ihre Zeremonien nachzuahmen. 2015 wandten sich Lakota und andere indigene Stimmen öffentlich gegen Gruppen, die sich auf die «Regenbogen-Prophezeiung» beriefen und in den Black Hills, der heiligen Ȟe Sápa, eigene «indianische» Rituale feierten.

Ihre Bitte ist einfach: Hört den lebenden Völkern zu, statt euch ihre Geschichte zu leihen. Die Hopi haben ihre eigenen Überlieferungen, gehütet von ihren Ältesten. Wer ein Regenbogenkrieger sein will, braucht keine fremde Feder – sondern Respekt.

Echte Stimmen der Verbundenheit

Die Sehnsucht hinter der Legende ist trotzdem alt – und sie hat echte Stimmen. Die Lakota sprechen in ihren Gebeten Mitákuye Oyás’iŋ: alle meine Verwandten. Gemeint sind alle Menschen, die Tiere, die Pflanzen, die Steine, die ganze Schöpfung.

Und der Lakota-Heiler Heȟáka Sápa, Black Elk, erzählte von einer Vision: Er sah den heiligen Ring seines Volkes als einen von vielen Ringen, die zusammen einen grossen Kreis bilden – und in der Mitte einen blühenden Baum, der alle Kinder einer Mutter und eines Vaters beschirmt.

Gut zu wissen

Die Krieger des Regenbogens sind keine uralte Prophezeiung, sondern eine Legende von 1962. Was sie sagt, kann trotzdem wahr werden: dass Menschen aller Herkunft gemeinsam für die Erde einstehen.

Am ehrlichsten trägt man sie als Einladung – nicht als geliehenes Erbe.

Krieger des Regenbogens: Regenbogen über der Erde mit den vier Farben der Richtungen, eine Feder, ringsum Blätter in allen Farben, darüber Jununsui

Was mir der Regenbogen sagt

Ein Regenbogen entsteht, wenn Licht durch Wasser geht. Er gehört niemandem und zeigt sich allen, die zur richtigen Zeit hinschauen. Darum mag ich dieses Bild.

Für mich ist ein Regenbogenkrieger kein Titel, den man sich gibt. Es ist eine Haltung: zuhören, bevor man spricht. Lernen, ohne zu nehmen. Danken, wo man empfängt. Und mit dem, was man hat – einem Lied, einem Handwerk, einem offenen Herzen – etwas zur Heilung der Erde beitragen.

Zum Lakota-Brauchtum Zum Shipibo-Brauchtum Zu Jahreskreis und Mond

Quellen

William Willoya, Vinson Brown: Warriors of the Rainbow, Naturegraph, Healdsburg 1962 · Michael I. Niman: People of the Rainbow. A Nomadic Utopia, University of Tennessee Press 1997 · Frank Zelko: Warriors of the Rainbow: The Birth of an Environmental Mythology, Arcadia, Environment & Society Portal · Legend of the Rainbow Warriors und Rainbow Warrior (1955), Wikipedia · John G. Neihardt: Black Elk Speaks, 1932