Pachamama
Mutter Welt
Pachamama – so nennen die Menschen in den Anden die grosse Mutter, die alles trägt. Man hört das Wort heute überall, auf Festivals, in Liedern, in Zeremonien rund um die Welt. Oft wird es einfach mit «Mutter Erde» übersetzt.
Doch das Wort ist grösser. In der Sprache der Quechua und Aymara meint es mehr als den Boden unter unseren Füssen. Es spricht von der Welt als Ganzem, von der Zeit, die alles werden und vergehen lässt, und von einer Mutter, die lebt, schenkt, hungrig wird und genährt werden will.
Diese Seite erklärt, was in dem Wort steckt und wie es in den Anden bis heute gelebt wird.
Was das Wort bedeutet
Pachamama setzt sich aus zwei Wörtern zusammen, die es im Quechua wie im Aymara gibt: pacha und mama. Beide sind älter als die Inka und reichen weit hinter das zurück, was schriftlich überliefert ist.
Pacha – Welt, Zeit und Raum
Pacha ist eines der reichsten Wörter der Anden. Es bedeutet Erde und Welt, aber auch Zeit, Zeitalter und Ort. Wo wir zwischen Raum und Zeit trennen, sieht das Denken der Anden eine Einheit: Jeder Ort hat seine Zeit, jede Zeit ihren Ort. Den Ackerboden nennt man dagegen allpa (Quechua) oder uraqi (Aymara). Pachamama ist also nicht in erster Linie die Erde als Stoff, sondern die Mutter der ganzen lebendigen Welt, in der alles wird und vergeht.
Mama – Mutter und Herrin
Mama heisst Mutter, wird aber auch ehrend für eine Herrin oder Hüterin gebraucht. So gibt es nicht nur Pachamama, sondern viele Mütter: Mama Killa, die Mutter Mond, Mama Qucha, die Mutter der Seen und des Meeres, Mama Sara, die Mutter des Maises, und Mama Kuka, die Mutter der Koka. Pachamama ist die grösste von ihnen. Sie ist nah, sie lebt in den Feldern, Quellen und Tieren, und man spricht mit ihr wie mit einer Verwandten.
Hanan, Kay und Uku Pacha – die drei Welten
Die Welt der Anden hat drei Bereiche. Hanan Pacha, die obere Welt, ist die Welt von Sonne, Mond und Sternen, ihr Bote ist der Kondor. Kay Pacha, diese Welt hier, gehört den Menschen, Tieren und Pflanzen, ihr Zeichen ist der Puma. Uku Pacha, die innere Welt, liegt unter der Erde: Dort ruhen die Ahnen und die Samen, dort entspringt das Wasser der Quellen, ihr Wesen ist die Schlange Amaru. Pachamama umfasst alle drei.
Pachakuti – wenn die Welt sich wendet
Kutiy heisst umkehren, zurückkehren. Pachakuti ist die grosse Umwälzung, wenn sich die Welt wendet und eine neue Zeit beginnt. Der Inka-Herrscher, der um 1438 das kleine Reich von Cusco zum grossen Tawantinsuyu machte, nahm diesen Namen an. Viele in den Anden sehen auch die Ankunft der Spanier als ein Pachakuti, und manche erwarten heute ein neues, in dem die Welt wieder ins Gleichgewicht kommt.
Geben und Nehmen
Pachamama schenkt Nahrung, Wasser und Leben. Doch das geht nur gut, solange auch die Menschen geben. Das ganze Zusammenleben in den Anden ruht auf diesem Ausgleich.
Ayni – heilige Gegenseitigkeit
Ayni bedeutet: Heute helfe ich dir, morgen hilfst du mir. Es ist die Grundregel der Dorfgemeinschaft, beim Hausbau, bei der Ernte, bei Festen. Und es gilt genauso zwischen den Menschen und Pachamama. Wer von der Erde nimmt, gibt ihr etwas zurück: die ersten Tropfen eines Getränks, ein paar Kokablätter, einen Teil der Ernte. Wer nur nimmt, bringt die Welt aus dem Gleichgewicht, und dann kann die Erde krank machen oder die Ernte verweigern.
Die Apus und die Mütter
Neben Pachamama stehen die Apus, die Geister der grossen Berge. Sie gelten als Beschützer der Dörfer und der Herden, als Herren über Regen, Hagel und Schmelzwasser. Rund um Cusco sind das etwa der Ausangate und der Salkantay, in Bolivien der Illimani. Bei den Aymara heissen die Berggeister Achachilas, die Grossväter. Man grüsst sie, wenn man einen Pass überquert, oft mit einem Stein, den man auf einen Steinhaufen legt, die Apachita.
Der August – wenn die Erde offen ist
Im August, am Ende der kalten, trockenen Zeit und vor der neuen Aussaat, ist Pachamama besonders hungrig. Dann, so heisst es, steht die Erde offen. Familien graben ein Loch, oft am 1. August, und füttern sie mit gekochten Speisen, Chicha, Koka, Wein und Süssem. Danach wird das Loch wieder verschlossen. Im Nordwesten Argentiniens trinkt man an diesem Tag Zuckerrohrschnaps mit Weinraute, damit einen die Kälte des Winters nicht krank macht.
Ch’alla – der erste Tropfen für die Erde
Bevor man trinkt, gehören die ersten Tropfen Pachamama. Man giesst sie auf den Boden oder spritzt sie mit den Fingern in die vier Richtungen. Diese Geste heisst Ch’alla, und sie begleitet jedes Fest. Zur Fastnachtszeit segnen viele Familien in Bolivien so ihre Häuser, Felder, Werkzeuge und sogar Autos und Läden, am «Martes de Ch’alla», dem Dienstag vor Aschermittwoch.
Pachamama heute
Pachamama ist kein Gedanke aus alter Zeit. Das Wort lebt in den Dörfern, in den Kirchen und sogar in Gesetzen.
Die Natur bekommt Rechte
Ecuador schrieb 2008 als erstes Land der Welt die Rechte der Natur in seine Verfassung. Artikel 71 beginnt mit den Worten «La naturaleza o Pacha Mama»: Die Natur oder Pachamama, wo das Leben entsteht, hat das Recht, in ihrem Dasein und in ihren Lebenskreisläufen geachtet zu werden. Bolivien folgte 2010 mit dem Gesetz über die Rechte der Mutter Erde und 2012 mit einem Rahmengesetz. Wie gut diese Rechte gegen Bergbau und Erdöl bestehen, ist bis heute umstritten.
Pachamama und die Jungfrau Maria
Nach der Eroberung verboten die Spanier die alten Zeremonien. Die Menschen fanden Wege, Pachamama weiter zu ehren, oft in der Gestalt der Jungfrau Maria. Ein berühmtes Gemälde aus Potosí, aus dem 18. Jahrhundert, zeigt Maria als Berg: Der Silberberg Cerro Rico ist ihr Mantel. Bis heute verschmelzen beide in Festen wie dem der Virgen de la Candelaria in Puno oder bei der Virgen de Copacabana am Titicacasee.
Sumak Kawsay – das gute Leben
Sumak Kawsay auf Kichwa, Suma Qamaña auf Aymara: das gute, erfüllte Leben in Harmonie mit der Gemeinschaft und mit Pachamama. Es meint nicht, immer mehr zu haben, sondern im Gleichgewicht zu leben. Ecuador und Bolivien nahmen dieses Leitbild 2008 und 2009 in ihre Verfassungen auf, als «Buen Vivir» und «Vivir Bien». Seither inspiriert es weltweit Menschen, die über Wachstum und Wohlstand neu nachdenken.
Mit Respekt
Pachamama ist für Millionen Menschen in den Anden eine lebendige Wirklichkeit, kein Modewort. Rund um die Welt werden heute «Pachamama-Zeremonien» angeboten, oft ohne Bezug zu den Gemeinschaften, aus denen sie stammen. Wer Pachamama ehren möchte, kann es schlicht tun: danken, bevor man nimmt, etwas zurückgeben, achtsam mit Wasser und Boden umgehen. Und wer in den Anden einer Zeremonie beiwohnen darf, folgt den Menschen von dort, bringt eine Gabe mit und fragt, bevor fotografiert wird.
Quellen
Josef Estermann: Andine Philosophie, 1999 · Catherine J. Allen: The Hold Life Has – Coca and Cultural Identity in an Andean Community, 1988/2002 · Joseph W. Bastien: Mountain of the Condor – Metaphor and Ritual in an Andean Ayllu, 1978 · Constance Classen: Inca Cosmology and the Human Body, 1993 · Verfassung der Republik Ecuador, 2008, Art. 71–74 · Bolivien: Ley 071 de Derechos de la Madre Tierra, 2010, und Ley 300, 2012 · Wikipedia: Pachamama
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