René Kälineinfach. magisch. sein.

Altes Wissen

Wege der Mongolen

Ewiger blauer Himmel

Über den Steppen der Mongolei spannt sich ein Himmel, der kein Ende zu haben scheint. Die Mongolen nennen ihn Tengri, den ewigen blauen Himmel – Mönkh Khökh Tengri. Er ist Vater, Ordnung und Schicksal zugleich. Unter ihm liegt Etügen, die Mutter Erde, mit ihren Bergen, Quellen und Flüssen.

Zwischen Himmel und Erde leben die Menschen mit ihren Herden, ihren Jurten und ihren Ahnen. Und wenn diese Ordnung gestört ist, rufen sie die Böö und die Udgan: Menschen, die mit Trommel und Gesang die Geister herbeiholen.

Himmel, Erde und Ahnen

Die Mongolen kennen keine Kirche und keine heilige Schrift für ihren alten Glauben. Er lebt in kleinen Gesten des Alltags: im ersten Schluck Tee, der in die Luft gespritzt wird, im Feuer der Jurte, das man nicht mit dem Messer berührt, im Gruss an den Berg, an dem man vorbeireitet.

Böö und Udgan

Der männliche Schamane heisst Böö, die Schamanin Udgan. Viele sagen, die Udgan seien die älteren, ursprünglichen. Berufen wird man meist durch die Ahnen: Ein Geist aus der eigenen Familie, der früher selbst Schamane war, sucht sich einen Nachfahren. Krankheit, Träume und Unglück zeigen den Ruf an. Danach lernt man bei einem Lehrer und wird in mehreren Weihen Schritt für Schritt stärker.

Ongod – die Geister, die kommen

Die Ongod sind Ahnen- und Hilfsgeister. In der Zeremonie ruft der Böö sie mit Liedern, die jeden Geist bei seinem Namen und seiner Herkunft nennen. Dann kommen sie und sprechen durch ihn – manchmal mit fremder Stimme, manchmal in einer alten Sprache. Ein Helfer an seiner Seite übersetzt, reicht Milch, Wodka oder Tabak und fragt nach dem Rat, den die Familie braucht.

Trommel, Spiegel und Bänder

Der Weg in die Trance führt bei den Mongolen über Klang, nicht über Pflanzen: die grosse Rahmentrommel, die Maultrommel, Glöckchen und den eigenen Gesang. Das Gewand ist schwer von Bändern, die wie Schlangen oder Federn herabhängen, und von runden Bronzespiegeln, den Toli. Sie schützen, spiegeln das Böse zurück und gelten als Wohnsitz von Geistern. Eine Kopfbedeckung mit Fransen verhüllt das Gesicht, denn nicht der Mensch spricht, sondern der Geist.

Ovoo – der Steinhaufen auf dem Pass

Auf Pässen, Hügeln und an Quellen stehen Ovoo, Steinhaufen mit einem Stamm in der Mitte und blauen Seidentüchern, den Khadag. Hier wohnen die Herren des Ortes. Wer vorbeikommt, hält an, geht dreimal im Uhrzeigersinn um den Ovoo und legt einen Stein dazu, spritzt Milch oder knüpft ein blaues Tuch an. Im Sommer feiern ganze Dörfer am Ovoo ein Fest für Regen, Gras und gesunde Herden.

Milch und Feuer

Am Morgen wirft die Hausfrau mit dem Tsatsal, einem Holzlöffel mit neun Vertiefungen, Milch in alle Richtungen: für den Himmel, die Erde, die Berge und die Ahnen. Wenn jemand auf Reisen geht, wird ihm Milch nachgespritzt, damit sein Weg weiss und gut sei. Das Feuer in der Mitte der Jurte ist heilig. Man wirft keinen Abfall hinein, steigt nicht darüber und gibt ihm vom ersten Fett und Schnaps.

Ein Ovoo aus Steinen mit blauen Seidentüchern unter dem Bogen des ewigen blauen Himmels, daneben eine Trommel, dazu Jununsui

Verdrängt und wiedergekehrt

Mit dem tibetischen Buddhismus, der «Gelben Kirche», kam ab dem 16. Jahrhundert ein mächtiger Gegenspieler. Schamanen wurden verfolgt, ihre Ongod-Figuren verbrannt, viele alte Bräuche übernahm der Buddhismus und gab ihnen neue Namen – so wurden auch die Ovoo-Feste von Lamas geleitet. Im 20. Jahrhundert unterdrückte der Kommunismus dann Buddhisten und Schamanen gleichermassen.

Seit der Wende von 1990 erleben Schamaninnen und Schamanen in der Mongolei einen grossen Aufbruch, besonders in Ulaanbaatar. Bei den Darchad im Norden, bei den Burjaten am Baikalsee und im benachbarten Tuwa haben sich die Traditionen am stärksten gehalten. Manche Forschende beobachten auch Schattenseiten: Konkurrenz, Geschäft und viele neue Schamanen, deren Ausbildung kurz war.

Khöömii – der Gesang mit zwei Stimmen

In der Mongolei und in Tuwa singen Menschen mit einer Kehle zwei Töne zugleich: einen tiefen Grundton und darüber eine pfeifende Melodie aus Obertönen. Der Kehlgesang ahmt Wind, Wasser, Pferde und Berge nach. Er ist kein Ritual des Schamanen, aber er kommt aus derselben Welt, in der Klang die Natur ruft und der Hörer still wird. Die UNESCO zählt Khöömii seit 2010 zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Ein Weg ohne Pflanzen

Anders als im Amazonas oder in Mexiko spielen heilige Pflanzen im mongolischen Schamanismus kaum eine Rolle. Wacholder wird geräuchert, um zu reinigen, Milch und Schnaps werden geopfert. Die Tür zur anderen Welt öffnen der Rhythmus der Trommel, der Gesang, die Dunkelheit der Nacht und die Kraft der Ahnen.

Ein Sänger mit zwei Stimmen, tiefem Grundton und hoher Obertonlinie, daneben die Pferdekopfgeige und Kreise aus Klang, dazu Jununsui

Khöömii – der Kehlkopfgesang

So klingt Khöömii: Aus einer einzigen Kehle erklingen zwei Stimmen zugleich – ein tiefer, brummender Grundton und darüber ein heller, pfeifender Oberton, wie Wind über der Steppe oder Wasser im Bach. Für die Hirtinnen und Hirten der Mongolei ist dieser Gesang eine Art, mit der Natur zu sprechen.

Mit Respekt

Ein Ovoo ist kein Fotomotiv zum Erklimmen, und ein Schamanenritual ist keine Vorstellung für Reisende. Wer in der Mongolei unterwegs ist, umrundet den Ovoo im Uhrzeigersinn, nimmt keine Steine mit und bittet um Erlaubnis, bevor er fotografiert. Echte Böö und Udgan arbeiten für ihre Gemeinschaft, nicht für Zuschauer.

Quellen

Walther Heissig: Die Religionen der Mongolei, 1970 · Caroline Humphrey (mit Urgunge Onon): Shamans and Elders – Experience, Knowledge, and Power among the Daur Mongols, 1996 · Morten Axel Pedersen: Not Quite Shamans – Spirit Worlds and Political Lives in Northern Mongolia, 2011 · Manduhai Buyandelger: Tragic Spirits – Shamanism, Memory, and Gender in Contemporary Mongolia, 2013 · UNESCO: Mongolian traditional art of Khöömei, 2010 · Wikipedia: Tengrismus

Die Inhalte sind mit KI gestaltet.